Fühlst du dich manchmal so sehr von deinem Partner abhängig, dass du ohne seine Bestätigung, Nähe oder Beruhigung kaum zurechtkommst? Obwohl du tief drinnen weißt: Eigentlich willst du das gar nicht. Du möchtest frei und gleichberechtigt lieben – und trotzdem zieht es dich immer wieder in diese emotionale Abhängigkeit. Du bist damit nicht allein. Besonders viele Frauen erleben das, aber es betrifft Menschen jeden Geschlechts.
Warum fühlt sich der Partner wie ein Rettungsanker an?
In einer gesunden Beziehung gibt es Nähe, Unterstützung und gegenseitige Regulation – das ist normal und schön. Aber wenn der Partner plötzlich zum einzigen Sicherheitsanker wird, der dich beruhigt, wenn Panik, Angst oder Leere hochkommt, dann ist etwas aus dem Gleichgewicht geraten. Du merkst es vielleicht daran, dass du ständig seine Aufmerksamkeit brauchst, seine Stimmung deine eigene bestimmt oder du dich ohne ihn verloren fühlst.
Oft wird der Partner unbewusst zum Vater- oder Mutterersatz. Nicht weil du „zu bedürftig“ bist oder er „zu wenig gibt“ – sondern weil etwas aus deiner Kindheit nachwirkt.
Die Wurzel: Kindheitstrauma und fehlende Co-Regulation
Als kleines Kind (besonders bis etwa 3 Jahre) konntest du deine starken Emotionen noch gar nicht allein regulieren. Dein Nervensystem war noch nicht reif dafür. Wenn Angst, Wut oder Traurigkeit hochkamen, brauchtest du eine Bindungsperson, die dich co-reguliert: Dich in den Arm nimmt, ruhig mit dir atmet, dir sagt „Es ist gut, ich bin da“. Dadurch lernt das Nervensystem: „Starke Gefühle sind sicher, ich überlebe das.“
Viele von uns haben diese zuverlässige Co-Regulation nicht oder nur unregelmäßig erlebt. Die Eltern hatten vielleicht selbst ein dysreguliertes Nervensystem – sie haben Emotionen unterdrückt („Reiß dich zusammen!“), sind explodiert oder waren emotional abwesend. Das Kind spürt: „Wenn Gefühle hochkommen, ist niemand da, der mich hält. Es fühlt sich an wie Sterben.“
Dein Nervensystem hat gelernt: Starke Emotionen = Gefahr → Überlebensmodus (Fight, Flight, Freeze). Und genau dieses Muster nimmst du als Erwachsene mit in deine Beziehungen.
Wie sich das in der Partnerschaft zeigt
Heute, als Erwachsene, kommen die alten Emotionen hoch – vielleicht durch einen Streit, eine Unsicherheit oder einfach Nähe. Plötzlich bist du wieder das kleine Kind: überflutet, panisch, hilflos. Und weil niemand da war, der dich damals beruhigt hat, suchst du jetzt verzweifelt jemanden im Außen, der es tut. Der Partner wird zum externen Regulator.
Das führt zu einer Braucherbeziehung: Du brauchst ihn, um dich gut zu fühlen. Nicht aus Liebe allein, sondern aus purer Notwendigkeit. Das belastet beide – ihn, weil er die Verantwortung für dein Wohl übernimmt, und dich, weil du dich klein und abhängig fühlst.
Die Lösung: Selbstregulation lernen – Schritt für Schritt
Die gute Nachricht: Dein Nervensystem ist lernfähig. Du kannst dir genau das nachholen, was dir als Kind gefehlt hat – nur dass du es jetzt selbst gibst. Selbstregulation ist keine Begabung, sondern eine Praxis, die du üben kannst. Je öfter du es machst, desto sicherer wird dein Körper: „Ich kann starke Gefühle aushalten. Ich sterbe nicht dabei.“
Hier zwei meiner liebsten, einfach umsetzbaren Wege:
1. Die Hand-auf-Herz-Technik (Body-Scan light)
Wenn die Emotion hochkommt – Angst, Verlassenheitsgefühl, Wut – setz oder leg dich hin. Lege eine oder beide Hände auf deinen Brustbereich (Herzgegend). Atme ruhig und sag dir innerlich (oder leise): „Auch wenn das jetzt richtig unangenehm / überwältigend ist – wir sind hier sicher. Es ist nur eine alte Erinnerung. Wir sterben nicht. Ich bin bei dir.“
Spür die Wärme deiner Hand, die Schwere deines Körpers auf dem Stuhl/Bett. Das signalisiert deinem Nervensystem: „Jemand hält mich. Ich bin nicht allein.“ Als Kind hat sich der Stress lebensbedrohlich angefühlt – heute darfst du ihm eine neue, erwachsene Antwort geben.
2. Die 4-4-8-Atemübung – dein Nervensystem runterfahren
Bei Dysregulation atmen wir meist kurz, flach und hoch in der Brust. Das hält den Stresspegel oben. Bewusst tiefer atmen aktiviert den Parasympathikus (den „Beruhigungs-Nerv“).
So geht’s:
- Atme durch die Nase 4 Sekunden ein
- Halte die Luft 4 Sekunden
- Atme durch den Mund 8 Sekunden langsam aus (gerne mit leichtem „Schhhh“-Geräusch)
Wiederhole das 5–10 Runden oder länger – bis du merkst: Der Körper entspannt sich, der Puls wird ruhiger, die Panik zieht ab. Das kann 5 bis 15 Minuten dauern. Je mehr alte Angst oder Stress im System gespeichert ist, desto länger braucht es manchmal. Das ist völlig normal und okay.
Was passiert, wenn du dranbleibst?
Je öfter du übst, desto mehr Sicherheit baust du in deinem eigenen Körper auf. Du merkst plötzlich: „Ich kann mich selbst beruhigen.“ Der Partner muss nicht mehr dein einziger Regulator sein. Er darf dich weiter unterstützen – mit einer Umarmung, einem offenen Ohr –, aber es kommt nicht mehr aus purer Verzweiflung. Aus einer Braucherbeziehung wird eine echte Liebesbeziehung auf Augenhöhe.
Du wirst freier, selbstbewusster und gleichzeitig näherbarer. Weil du nicht mehr klammerst, sondern aus Fülle gibst.
Möchtest du Begleitung auf diesem Weg?
Das ist ein Prozess – manchmal holprig, aber unglaublich lohnend. Wenn du gerade mittendrin steckst und dir jemand den Rücken stärken möchte, buche dir gerne ein kostenloses Erstgespräch mit mir. Gemeinsam schauen wir, wo du stehst und wie du den nächsten Schritt gehen kannst.
Du bist nicht kaputt. Du lernst nur gerade, dich selbst zu halten. Und das kannst du.

