Eine Entfremdung von den Eltern betrifft laut Studien jede vierte Person. Manche nur für eine gewisse Zeit, andere langfristig. Und obwohl dieses Thema heute sichtbarer ist als je zuvor, bleibt es für viele mit Schuld, Scham und innerem Konflikt behaftet.
Aus meiner eigenen Geschichte und aus meiner Arbeit als Mentorin weiß ich: Kontaktabbruch oder Kontaktreduktion ist kein Trend und kein Zeichen von Unreife. In vielen Fällen ist es ein notwendiger Entwicklungsschritt auf einem ernsthaften Heilungsweg.
1. Warum Entfremdung heute so häufig ist
Wir erleben aktuell nicht mehr Entfremdung, sondern mehr Bewusstsein. Bewusstsein für Trauma, für emotionalen Missbrauch, für Bindungsverletzungen. Dinge, die früher bagatellisiert oder spirituell überhöht wurden, werden heute benannt.
Viele ältere Generationen sind mit der Haltung aufgewachsen, dass das Leben hart ist und Kinder das aushalten müssen. Das war oft keine bewusste Bosheit, sondern Unwissen und eigene, unverarbeitete Traumata. Das erklärt vieles – entschuldigt aber nichts.
Wenn ein erwachsenes Kind heute merkt, dass der Kontakt zu den Eltern permanent Stress, Angst oder emotionale Dysregulation auslöst, dann ist das kein Zeichen von Undankbarkeit, sondern ein gesunder Wahrnehmungsprozess.
2. Der heilsame Abstand
Gerade nach Kindheitstrauma – insbesondere Bindungstrauma – ist das Nervensystem oft jahrelang im Überlebensmodus. Jeder Kontakt mit den Eltern kann alte Wunden aktivieren: Trigger, Rechtfertigungen, Eskalationen, Schuldgefühle.
Ein temporärer Kontaktabbruch oder eine bewusste Kontaktreduktion schafft Raum. Raum, in dem der Körper endlich zur Ruhe kommen darf. Raum, in dem das Nervensystem nicht ständig zwischen Hoffnung und Enttäuschung pendelt.
Dieser Abstand ist kein Weglaufen. Er ist ein Reset.
3. Neue Dynamiken statt alter Überlebensmuster
In der Distanz entsteht etwas Entscheidendes: Perspektive. Die Eltern werden nicht mehr ausschließlich als Bedrohung oder Feind wahrgenommen. Das erwachsene Kind kann beginnen, sich selbst als eigenständige, handlungsfähige Person zu erleben.
Erst wenn die Überlebensautomatismen abklingen, entstehen neue Kapazitäten für Beziehung. Nicht nur zu den Eltern, sondern generell. Grenzen werden klarer, Kommunikation ruhiger, Erwartungen realistischer.
Ohne diesen Schritt versuchen viele Menschen, Beziehungen aus einem dysregulierten Zustand heraus zu reparieren – und scheitern immer wieder an denselben Mustern.
4. Transgenerationale Traumata unterbrechen
Transgenerationale Traumata lösen sich nicht durch gute Vorsätze oder Verständnis allein. Sie lösen sich durch veränderte Dynamiken.
Ein bewusster Bruch – zeitweise oder dauerhaft – kann notwendig sein, um alte Loyalitäten, Schuldverstrickungen und emotionale Verstrickungen zu lösen. Erst dann können Traumata aufgearbeitet und integriert werden.
Die jüngere Generation übernimmt damit Verantwortung. Nicht gegen die Eltern, sondern für sich selbst und für die Beziehungen, die sie künftig führen will.
5. Ist dieser Schritt für dich notwendig?
Nicht jeder Mensch muss den Kontakt zu seinen Eltern abbrechen. Aber viele spüren sehr genau, wenn Gespräche im Kreis laufen, wenn jedes Treffen den inneren Frieden kostet oder wenn Hoffnung immer wieder enttäuscht wird.
Wenn du merkst, dass du emotional nicht weiterkommst, kann Abstand der nächste logische Schritt sein. Kein einfacher – aber oft ein befreiender.
Dieser Weg erfordert Mut. Aber er eröffnet die Möglichkeit für echte innere Freiheit und gesunde Beziehungsgestaltung – jenseits von Überleben und Anpassung.

