Wenn der Wind alte Wunden aufreisst – eine Nacht im Sturm

Wenn der Wind alte Wunden aufreisst – eine Nacht im Sturm

13. August, 2025

Wind war noch nie mein Lieblingselement der Natur. Die Wucht des Windes flösste mir schon immer Unbehagen ein. Wind nimmt den vollen Raum ein, und ich kann ihn nicht stoppen. Ich bin ausgeliefert und muss ihn über mich ergehen lassen. So fühlte es sich für mich immer an.

Eine unerwartete Sturmnacht

Dann hatte ich das große Glück (Ironie) – einen Sturm auf dem Campingplatz mit aufgestelltem Zelt zu erleben. Mein Freund und ich hatten gerade ein neues Zelt gekauft, diesmal etwas Robusteres, das jeglichem Regen trotzen sollte.

Doch wie sah es mit einem Sturm aus? Ganz ehrlich: Wir hatten nicht mal das genaue Wetter inklusive Wind gecheckt, denn bisher war mir fremd, dass Wind zum echten Endgegner beim Camping werden könnte.

Schon beim Aufstellen des Zeltes erfasste der Wind es mehrmals, und es fühlte sich nicht gerade gemütlich an. Wir dachten uns zunächst nichts dabei. Wolken zogen auf, und wir erwarteten Regen – und damit weniger Wind.

Doch dem war nicht so. Ganz im Gegenteil: Der Wind wurde immer stärker. Im Zelt zu sitzen war sogar unangenehmer als auf offener Fläche, denn trotz Spannung flatterten die Zeltwände hinein und hinaus und lärmten wie aufgezogene Segel auf einem Boot.

Flucht ins Auto – Sicherheit suchen

Ich dachte mir, na gut, wir werden schon klar kommen und geben so schnell nicht auf. Nach dem frisch gekochten Abendessen verkroch ich mich ins Auto, um etwas Ruhe und Windstille zu finden.

Der Abend verlief genauso weiter, und ich entschied, gar nicht im Zelt zu schlafen. Bei diesem Geflatter um die Ohren hätte ich ohnehin kein Auge zumachen können. Ich beschloss, im Auto zu schlafen – etwas, das ich zuvor noch nie gemacht hatte.

So lagen wir auf unseren Luftmatratzen und Schlafsäcken auf der halbwegs flachen Oberfläche im Auto. Ich fühlte viel Unbehagen. Ich machte mir Sorgen um das Zelt. Würde es dem Sturm standhalten? Es schien stark genug zu sein.

Alte Wunden werden sichtbar

Obwohl ich nun in Sicherheit war und der Sturm nur leicht spürbar blieb, spürte ich Angst in mir, und von Schlafen war keine Spur. Ich versuchte, mein System zu beruhigen, legte meine Hände auf den Herzbereich und atmete. Ich sprach zu meinem inneren Kind: Ich bin für dich da, egal wie stark der Wind bläst. Ich achte auf dich, ich sorge dafür, dass du sicher bist. Trotzdem konnte ich mich nicht richtig entspannen.

Daraufhin fragte ich mich, warum ich so viel Widerstand gegen starken Wind habe. Woher kommt das? Was fühle ich konkret? Es war dieses Gefühl, gefangen zu sein und nicht fliehen zu können. Der Sturm ist überall – selbst in einem Haus würde man ihn hören, er wäre präsent.

Dieses Gefühl passte gut zu meiner Kindheit: All die Momente, die unerträglich waren, in denen ich nicht weg konnte, in denen jemand Macht über mich hatte und diese Macht missbrauchte. Im Internat in Frankreich erlebte ich Machtmissbrauch und konnte ihm nicht entfliehen. Im Zusammenhang mit meinen Eltern war Macht ebenfalls negativ besetzt – körperliche und emotionale Bestrafungen oder Manipulationen waren präsent, und weggehen konnte ich nicht, da es meine Eltern waren.

Erkenntnis: Macht ist nicht immer negativ

Der Sturm wurde immer schlimmer, und ich konnte vielleicht erst um 4 Uhr morgens die Augen schließen und etwas schlafen. Es fühlte sich so unangenehm an. Doch nun wusste ich, woher dieses Gefühl kam und dass ich es noch einmal bewusst durchfühlen durfte.

In den darauffolgenden Tagen beschäftigte ich mich erneut mit dem Thema „Macht über mich“ und wie ich es negativ abgespeichert hatte. Durch das Durchfühlen und Bewusstwerden durfte ich verstehen, dass Macht über mich gar nicht negativ sein muss. Der Staat zum Beispiel kann Macht über mich haben und sie zum Schutz und Wohlergehen einsetzen. Natürlich kann Macht auch missbräuchlich eingesetzt werden – aber dann darf ich mich, wenn möglich, dem entziehen. Macht an sich ist neutral.

Der Wind an sich ist nicht böse, er ist einfach kraftvoll. Natürlich kann er Dinge kaputt machen, aber er kann auch reinigend und neuausrichtend wirken.

Die Campingnacht war keine angenehme Erfahrung, aber sie hat alte Wunden gezeigt, damit ich sie erneut anschauen kann – weil sie noch nicht vollständig integriert und umprogrammiert waren. Dafür bin ich dankbar, auch wenn ich hoffe, so etwas nicht noch einmal erleben zu müssen.

Das Leben ist nicht immer eine glückliche, angenehme Reise. Wenn ich das annehmen kann und verstehe, dass selbst unangenehme Erfahrungen da sind, damit ich lerne und wachse, kann ich mit allem, was ist – egal wie unangenehm – Frieden finden. Und Frieden ist das größte Geschenk: Er macht uns frei von äußeren Umständen.